Transparenz im Kaffeegeschäft

Transparenz im Kaffeegeschäft

Kooperation

Was kann man wohl von der zweit wertvollsten Ware der Welt in Bezug auf Transparenz erwarten, wenn Kaffee aus allen möglichen Ländern seit Jahrhunderten um die ganze Welt verschifft wird und weltweit mehr als 25 Mio. Menschen in der Kaffeeindustrie arbeiten, die zeitgleich die Existenzgrundlage für ca. 100 Mio. Menschen bildet?

Offensichtlich verdienen viele Menschen an eurem Koffein Kick. Und um die traurige Nachricht vorwegzunehmen, der Kaffeebauer bekommt auch bei Fair Trade Kaffee einen viel zu geringen Preis für den Hauptteil der Arbeit am Endprodukt. Leider ist es oft unklar, welchen Weg der Kaffee nimmt und wer alles Geld erhält. Die Trader und Exporteure verschleiern oft die Preise und verdienen anständig mit. Ich vergleiche für euch vorab die Preiskalkulation von Industriekaffee und Fairtrade Kaffee, bevor es ein wirklich spannendes und deutschlandweit wohl bisher einzigartiges Interview mit Henning Reiche, dem Gründer und Geschäftsführer von TRUESDAY, zu lesen gibt. Er hat einen einzigartigen Ansatz, nicht nur Bauern fair zu entlohnen, sondern auch einen wirklich nachhaltigen leckeren Kaffee zu produzieren.

Ein paar Fakten vorab

  • 1 Kaffeebaum produziert zwischen 500 g – 1 kg gerösteten Kaffee pro Jahr.
  • 92 % der Welternte sind konventioneller Kaffee, der in Monokulturen angebaut wird, maschinell geerntet wird und somit den Boden und die Biodiversität schädigt.
  • Für nachhaltig angebauten Kaffee (8 % des Kaffees weltweit) werden nur die reifen Kaffeekirschen per Hand gepflückt.
  • Der Rohkaffeepreis unterliegt starken Schwankungen und orientiert sich für konventionellen Kaffee am Börsenpreis.
  • Beispiele für typische Kostenfaktoren von Kaffee: Lohn Kaffeebauern & Erntehelfer, Kaffeeaufbereitung, Verpackung und Lagermiete im Ursprungsland, Transporteure, Erstellung von Exportdokumenten und Gebühren, Seefracht, Transportversicherung, Schwund von Rohware während des Seetransports, Kosten des Geldverkehrs/ Kursverluste, Importkosten, evtl. erneute Reinigung des Kaffees im Zielhafen, Einlagern im Verbraucherland, Röster, Röstverlust, Verpackung, Marketing/ Vertrieb und vieles mehr…
  • Außerdem entfällt auf jedes Kilogramm Röstkaffee in Deutschland die Kaffeesteuer von 2,19€ + 7 % Mehrwertsteuer.
  • Bei konventionellem Kaffee erhalten die Kaffeebauern nur einen 5 % Anteil des Kaffeepreises. Bei einem typischen Preis pro 1 kg von 8,10€ sind das 0,40€.
  • Bei Fair Trade zertifiziertem Kaffee können es 26 % des Preises sein, die bei den Kaffeebauern in der Kooperative verbleiben. Die Zertifizierung müssen die Bauern jedoch auch bezahlen! Auf das Kilo Kaffee gerechnet sind das beispielsweise 5,40€.
  • Bei dem neuen Spezialitätenkaffee Truesday verbleiben 8,99€ pro Kilo Kaffee in der Kaffeeanbauregion!
truesday

Interview mit Henning, dem Gründer von Truesday Coffee:

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Kaffee zu verkaufen, der FarmerInnen einen wirklich fairen Lohn zahlt?

Henning: In einem Barista Workshop habe ich gelernt, wie sich der Preis für Kaffee zusammensetzt und war erschrocken, wie wenig FarmerInnen für ihre Arbeit erhalten. Nach einigen Recherchen habe ich herausgefunden, dass ein Großteil der Kleinbauern unterhalb der Produktionskosten arbeitet. So können sich einige FarmerInnen z. B. keine medizinische Versorgung leisten.

Nun gibt es schon diverse Konzepte wie Fairtrade Zertifizierung oder Spenden pro Beutel Kaffee für Projekte im Kaffeeanbaugebiet. Ist der Preis, der bei den FarmerInnen verbleibt, immernoch zu gering aus deiner Sicht?

Henning: Bei konventionellem Kaffee auf jeden Fall! Wer Kaffee im Supermarkt für 7-8€ das Kilo anbietet, wird unmöglich FarmerInnen fair bezahlen können. Röstereien mit Specialty Coffees zahlen FarmerInnen bereits einen wesentlich höheren Aufpreis. Aber dazu kommen ja noch ökologische Schäden der Kaffeeproduktion, wie Klimawandel, Luftverschmutzung oder Wasserverschmutzung. Um sicherzustellen, dass der Kaffeeanbau der Natur und den Menschen mehr nützt als er ihnen schadet, brauchen wir den True Price. Ein wirklich transparenter Preis bedeutet für mich, zu allererst den Preis zu kennen, den KaffeebäuerInnen tatsächlich bekommen.

Gibt es nicht einige Röster, die das veröffentlichen?

Henning: Oftmals wird hier der FOB-Preis veröffentlicht, nicht jedoch der Preis, den tatsächlich FarmerInnen bekommen haben. Diesen Preis zu ermitteln ist aus eigener Erfahrung nämlich sehr schwierig und in einigen Ländern fast unmöglich.

Was genau bedeutet FOB-Preis und was ist der Unterschied zum Farmer Preis?

Henning: Der FOB-Preis steht für „Free On Board“ und bedeutet, der Exporteur liefert den Kaffee auf eigene Kosten und eigene Versicherung bis auf das Transportschiff. Ab der Beladung des Schiffs übernimmt der Importeur alle Kosten, Pflichten und Risiken für den Transport zum Zielort. Der FOB ist also der Hafenpreis. Wie viel FarmerInnen davon bekommen, geben die Exporteure meist nicht gerne preis.

Ich habe gehört, dass in Mexiko die Bauern ihren Kaffee an Zwischenhändler, sogenannten Coyoten, verkaufen müssen. Die FarmerInnen müssen jeden Preis akzeptieren, da sie keine Alternative haben. Das klingt erschreckend. Gibt es das auch in Kolumbien?

Henning: Ja, ich habe auch diverse Geschichten gehört, die einen sehr stark an Narcos erinnern. Da wird ein LKW mit Rohkaffee im Wert von mehreren Tausend Euro gerne von Motorrädern mit Männern mit Pumpguns gesichert und Schmiergelder an der ein oder anderen Brücke bezahlt, um die Bohnen zum Hafen zu bringen. Wir werden nicht die Korruption im ganzen Land bekämpfen können, aber sicherlich können wir mehr dafür tun, dass die KaffeefarmerInnen, die einen Großteil der Arbeit leisten, besser entlohnt werden.

Und wie habt ihr es geschafft, den FarmerInnen Preis zu ermitteln?

Henning: Das war gar nicht so einfach. Ein europäischer Trader wollte uns erst den direkten Kontakt zu einem Farmer vermitteln, dessen Kaffee ich probiert hatte. Leider wurde daraus nichts. Nach einigen Monaten haben wir es dann endlich selbst über Facebook geschafft, mit dem kolumbianischen Farmer in Kontakt zu treten und haben ihn gefragt, welchen Preis er für seinen Spezialitätenkaffee erhalten hat. Dann haben wir kalkuliert, welchen Preis der Farmer eigentlich erhalten muss.

Kannst du vielleicht mehr zu der Preiskalkulation – eurem True Price – erzählen?

Henning: Gerne. Wir berücksichtigen nicht nur den Wert der Kaffeebohnen, sondern auch die ökologischen und sozialen Kosten im Kaffeeanbau zu 100 %. In Zusammenarbeit mit internationalen NGOs und Sozialunternehmen bringen wir versteckte Kosten wie die Unterbezahlung von FarmerInnen, Bodenverunreinigung und Wasserverschmutzung an die Oberfläche, um sie zu reduzieren und zu kompensieren. Das sieht wie folgt aus:

Truesday Coffee- true-pricing
Truesday Coffee: true-pricing

Das klingt nach sehr viel Arbeit, wenn ihr das für einen einzelnen Kaffee und einzelnen Kaffeebauern gemacht habt. Wie wirkt sich das auf die Bauern aus?

Henning: Mit dem Thema muss man sehr sensibel umgehen. Wir können nicht den Kaffee der gesamten Region abnehmen. Die meisten FarmerInnen müssen nach wie vor ihrer Ernte zu einem ihnen diktierten viel zu geringen Preis abgeben. Wenn die FarmerInnen jetzt anfangen, mehr Geld einzufordern, könnte sie das in Schwierigkeiten bringen oder der Exporteur nimmt ihnen künftig gar keinen Kaffee mehr ab. Damit wäre niemanden geholfen. Auch Neid unter den FarmerInnen könnte problematisch werden, wenn ein Bauer deutlich mehr Geld für seinen Kaffee erhält.

Das klingt nach einer echten Gratwanderung. Kann man nur hoffen, dass es mehr Firmen gibt, die sich eurer Art der Preiskalkulation anschießen und mehr Konsumenten, die Wert auf echte Transparenz legen und mehr Geld in die Hand für guten Kaffee nehmen.
Gibt es für die Zukunft noch etwas, was ihr anders oder besser machen möchtet?

Henning: Wir müssen skalierbarer werden. Unser individuelles Errechnen des Preises anhand einer Farm gleicht eher einem Sozialunternehmen als einem Konzept, dem sich weltweit ein Großteil der FarmerInnen anschließen kann, um einen spürbaren Effekt auf unsere Umwelt und Verbesserung der Lebensbedingungen der FarmerInnen zu bewirken. Wir brauchen ein neues, nachhaltigeres Wirtschaftsmodell.

Dabei drücke ich euch die Daumen Henning! Erst einmal Danke für diese neuen Einblicke und den wirklich sehr leckeren Kaffee eurer kolumbianischen Kleinbauern Ciro Camayo und Elver Tulade. Den durfte ich nicht nur vorab probieren, sondern war sogar beim Rösten in Berlin Charlottenburg dabei. Der Kaffee ist modern geröstet, schön vollmundig, schokoladig und trotzdem mit einer dezenten Fruchtnote. MEGA!

Kaffee

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.